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108. Aufgabe: Reichen Sie Ihre letzte Mitschrift der Lehrveranstaltung "Hoffnungsfreier Superpessimismus" ein!

Bemitleidenswerte Hörerschaft! Thema der heutigen Vorlesung ist der hoffnungsfreie Pessimismus in allen Lebenslänglichkeiten. Lassen Sie mich dazu kurz aus dem "Botanischen Ratgeber für Geflügelzüchter" (Wolpertinger Zuchtverband Sonderdruck) von G. Fieder zitieren, der da schreibt: "Das Leben ist wie eine Hühnerleiter kurz und besch..." und weiter aus selber Quelle: "...issen!" Falls Sie das überhaupt interessiert. Ist ja doch die letzte Vorlesung, die – äh – würde das Fräulein in der dritten Reihe bitte beim Tablettenessen nicht schmatzen? DANKE! Äh, ja! - wo waren wir? - Pessimismus. Ich darf hier etwas in mein traurigen Privatleben abschweifen und verraten, daß man mit dem kümmerlichen Budget dieser sogenannten Universität kaum hoffnungsvolle, geschweige denn hoffnungslose Pessimismusforschung betreiben kann. Nun, ich sah mich gezwungen, meine Privatdozententätigkeiten außerhalb des Unterrichts anzubieten. Die vor Ihnen, meiner erbärmliche Hörerschaft, liegenden Skripte bitte ich zu Hause in einer friedvollen Stunde zu studieren. Ich werde nur Auszüge davon besprechen.

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Aus den internen Schulungsmaterialien der ERBARMER – Versicherungsgruppe:

1.)Machen Sie sich zunächst ein Bild von ihrem Gegenüber! Versuchen Sie seine aktuelle Lebenssicht zu hintergründen! Hören Sie zunächst nur zu und murmeln Sie passende Kommentare, die die Zielperson bereits einstimmen! Etwa in der Art wie: "Kann man auch so sehen..." oder "Das klingt ja ganz optimistisch." Und bauen Sie mehrere "naaaaaa-jahh?!" ein! Hierzu schütteln Sie den Kopf in wiegender Bewegung. Vergessen Sie auch nicht, an möglichst unpassenden Stellen die Augenbrauen hochzuziehen und danach tief durchzuatmen! Rollen Sie langsam die Schultern ein und klemmen Sie beide Handgelenke zwischen die Knie! (Im Stehen bietet sich hier ersatzweise eine vorsichtige Grimasse und das ausführlich Kratzen des Hinterkopfes an.)

2.) Irgendwann gerät der Redefluß des potentiellen Kunden ins Stocken. Hier sollten Sie nach einem Seufzer mit milder Stimme "Neinnein – reden Sie ruhig weiter!" sagen und eine Weile den Fußboden betrachten. Bald haben Sie ihn! Machen Sie jetzt auf keinen Fall den Anfängerfehler und erzählen Sie den Text, daß Ihnen gerade in diesem Zusammenhang ein ähnlich traurige Geschichte einfällt! Und versuchen Sie auch nicht mit Letzte-Woche-habe-ich-meiner-97jährigen-Mutter-zu-einer-ERBARMER-Lebensversicherung-geraten-und-sie-lebt-immer-noch." den Zieleinlauf. Noch lange nicht.

3.) Berufen Sie sich auf bürgerliche Umgangsformen und bitten Sie mit der Begründung – ihnen sei noch ganz schlecht – um ein Glas Wasser. Nachdem Sie mit leichtem Zittern einige Schlucke genommen haben, lassen Sie sich Zeit. DIE ZEITUHR TICKT BEREITS. Ihr Gegenüber wird, nein er muß, irgendwann fragen, warum ihnen noch schlecht ist. Und dann breiten Sie vorsichtig das Netz des düsterem, traurigem und erschöpfendem Pessimismus aus. Nehmen Sie das Wort Verkehrsstatistik nicht in den Mund! Ihr potentieller Kunde muß nicht wissen, womit Sie die leeren Zeiten an Tornadohaltestellen und die Abende in ihrer kleinen, kalten Wohnung verbringen. Reden Sie über ihre persönlichen Folgen! Reden Sie über finanzielle, gesundheitliche und zeitliche Verluste durch diesen schlimmen Verkehr! Lassen Sie ruhig die unterschwellige Angst vor Arbeitsplatzverlust einfließen! Früher oder später wird ihr Gegenüber versuchen Sie zu trösten und eigene Geschichten einflechten, die helfen sollen; nach dem Motto geteiltes-Leid-ist-halbes-Leid.

4.) Soweit erst einmal zum gefressenen Köder. Ziehen Sie das Netz nicht zu! Bessern Sie es aus! Würzen Sie seine Geschichte! Lenken Sie sie um, daß er glaubt, es wäre ihm passiert, und nicht dem angeheirateten Schwager der Halbschwester aus der zweiten Ehe seiner Adoptivmutter. Bauen Sie aus! Zerkrümeln Sie mit trauriger Stimme die Beschönigungsversuche wie "Na das wird schon wieder." (s.a. dazu unter 1.) Verneinen Sie aber jetzt! Hierzu finden Sie im Anhang einige Formulierungen, die ein befreundeter Psychiater mit Subspezialisierung schwere Depressionen für mich mitgeschrieben hat.

5.) Jetzt kehren Sie den Spieß um. Sagen Sie in etwa: "Sie haben ja gut reden mit..."! An letzter Stelle bauen Sie etwas ein, worauf der Besitzer besonders stolz sein könnte. Er wird sein Lebenswerk selbst demontieren. Er wird von seinen mißratenen Kindern, der beruflichen Belastung und von den riesigen Kreditschulden berichten. Die Phase des hoffnungsfreien Superpessimismus ist erreicht.

6.) Seien Sie jetzt ein milder Freund, der ihn versucht aufzurichten, obwohl die Kraft selbst kaum reicht. Bieten Sie Hilfe an! Sicherheit. Vertrauen. Behaglicher Wärme einer Versicherung im Durcheinander dieser kalten Welt. Sehen Sie zu, daß er möglichst viele Versicherungen unterschreibt, bevor er den Tod als Erlösung betrachtet.

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Ich danke Ihnen zunächst für Ihre geteilte Aufmerksamkeit. Und pumpen Sie bitte der jungen Dame aus Reihe drei dem Magen aus, obwohl ich denke, das es bereits zu spät ist!



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